Kids im Wettbewerbsfieber

Der Stock ist schon gefüllt mit Kindern und deren Eltern. Ich bin eingeladen als Juror bei einem Sprachwettbewerb von Volksschülern im Alter von 9 bis 11 Jahren. Die Vorbereitungen werden getroffen. Ich helfe beim Aufhängen der Banner und dem Ausgeben der Redeplätze. Die Aufregung ist groß bei Kindern und Erwachsenen. Dann geht es los. Es kommt mir ein bisschen vor wie bei Toastmasters. Es gibt einen Wettbewerbsleiter der die Teilnehmer auf die Bühne bittet und die Rede einläutet. Das spannende an diesem Samstag ist aber, das die Wettbewerbsleiter ein Junge im (geschätzten) Alter von 11 Jahren ist der motiviert und mit innbrünstiger Stimme die Anwesenden mit „Hello dear friends and parents, are you happy? Are you good?“ motiviert. Er hat aber auch zwei Gehilfinnen: zwei Mädchen, die nicht älter als 8 oder 9 Jahre alt sein können. Der Wettbewerb beginnt: die erste Teilnehmerin wird auf die Bühne gebeten. Sie erzählt von Ihrer Freundin, die gerne schwimmt, ihren Eltern und wie diese heissen bzw. was sie arbeiten.
Es ist jedoch nicht mit der Rede getan, es werden auch Anschlussfragen gestellt. Wir als Juroren haben die Aufgabe leichte, zum Thema der Rede passende Fragen zu stellen: Wie heisst denn Deine Freundin? Wann schwimmst Du denn gerne? Warum magst du denn Sport treiben etc. Ich fange mit leichten Fragen an – es sind ja immerhin Kinder. Der zweite Teilnehmer geht auf die Bühne. Man sieht ihm ein wenig am angespanntem Gesicht an das er nicht richtig vorbereitet ist. Er sagt seinen Namen und erzählt das er auch gerne Sport treibt. Dieses Mal aber nicht Schwimmen – sondern der Kollege mag Basketball. Ich frage mich ob ich in diesem Alter schon so gerne Sport getrieben habe und ich komme zum Ergebnis: nein. Ich hätte mich aber auch nicht mit zehn Jahren auf die Bühne gestellt und in English fünf Minuten etwas über mich erzählt, geschweige denn Folgefragen beantwortet. Der Kandidat ist fertig. Man sieht ihm die Erleichterung an. Jetzt die Folgefragen: Warum Basketball. Wie viele Klassenkollegen hast Du denn? Volksschule: 59 Kollegen.
Ich frage mich ob ich in diesem Alter schon so gerne Sport getrieben habe und ich komme zum Ergebnis: nein.
Ich gehe davon aus das dass nicht stimmen kann und der Junge sich bei den englischen Zahlen geirrt hat. Ich frage auf Chinesisch nach: 五十九 (wu shi jiu)? Dui! Also doch richtig. Ich bin perplex. Mir ist zwar die Klassengrösse von Colleges (Universitäten) bekannt gewesen und das da bis zu 70 Studenten auf eine Lehrvorlesung kommen aber in der Volksschule? Meinem Gefühl nach sind in Europa auch große Universitätshörsäle vorhanden, wo dann auch dementsprechend viele Hörer in den Vorlesungen sitzen aber ich stelle mir vor wie 59 Knirpse in einer Klasse sitzen und still dem Lehrer zu folgen haben. Wie geht das? Ich erinnere mich daran in der Volksschule relativ aktive Klassenkameraden gehabt zu haben und die Lehrerin hatte die Aufgabe möglichst pädagogisch die Schüler zu erziehen oder darauf aufmerksam zu machen das dass hier eine Lehrstunde ist und sie sich zu konzentrieren haben. Hat meist ganz gut funktioniert. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen das dass mit 59 Kindern funktionieren soll. Verblüffung meinerseits.
Die nächste Folgefrage: Wie viele Freunde hast Du in der Klasse? Die Frage stammt aus dem Publikum. Denn Dieses hat nach den Juroren auch noch die Möglichkeit Fragen zu stellen. 6 Beste Freunde. Ich bin neidisch. Zehn Prozent gute Freunde in einer Klasse ist ein guter Schnitt.
Folgefragen über Folgefragen

Die nächste Kandidatin wird von einem der „Assistentinnen“ des Wettbewerbsleiter angekündigt. Das Mädchen macht sich scheu auf die Bühne und verkündet dann verblüffend motiviert und selbstbewusst den Namen und die Nummer der Rednerin. Die ist offensichtlich ein Freund von TaeKwonDo. Angezogen mit ihrem Dress erzählt sie etwas über ihre Leidenschaft für diesen Kampfsport. Inklusive Kampfeinlagen. Die Arme gehen nach vorne und schrecken den vermeintlichen Angreifer ab. Dazu gesellen sich die obligatorischen Laute: Woaaaahhhh. Noooooaahhhh. Das Publikum ist erfreut und klatscht. Die Showeinlage ist nach dem Geschmack der Eltern und Zuseher. Wiederum die Folgefragen aus Jurorenreihe und Publikum. Warum machst du diesen Sport?

Beschreibe in einem Satz warum dieser Sport so wichtig für dich ist.

Ein Juror hat es jeweils auf schwierigere Fragen abgesehen und ich frage mich ob man den Kindern das antun muss: Beschreibe in einem Satz warum dieser Sport so wichtig für dich ist. Teile uns in einem Satz mit um was es in dieser Geschichte geht. Was ist die tiefere Bedeutung Deiner Geschichte. Ich erinnere mich daran wie schwer es für mich ist Dinge und Wahrheiten zu kompensieren. „So kurz wie möglich – so viel wie nötig“ lässt sich auf alle Texte, Reden und gänzlich in der zwischenmenschlichen Kommunikation anwenden. Ich bezweifle ob ich das von Volksschülern erwarten kann. Das Gesicht schläft ein und man kann die Sekunden zählen die sich für das Kind auf der Bühne sichtlich gefühlsmäßig zu Stunden verlängern. Ich nehme das Mikrophon und versuche den Schluss seiner Bühnenpräsenz mit einer einfachen Antwort zu beschließen. Wie viele Klassenkameraden hast Du in Deiner Klasse: 53. Ich glaube es jetzt.

Storytelling mit Kampfeinlagen
Die Kandidaten wechseln sich ab. Nach zwei Stunden und 24 Schülern und Kandidaten ist der Wettbewerb zu Ende. Wir ziehen uns in einen anderen Raum zurück um das Ergebnis festzustellen. Die erfahrenen Juroren haben Mitleid oder Motivations-Geist. Es gibt 10 Gewinner und diese Festzustellen ist bei 24 Kandidaten nicht allzu schwer. Die Qualität der Rede ist für uns, dass die Schüler sich getraut haben und überhaupt mitgemacht haben in einem vollen Saal am Mikrophon zu stehen und ein wenig ihr Englisch zu präsentieren.
Jeder ist ein Gewinner
Ende: Es folgt natürlich noch die Dokumentation des Ereignisses für die sozialen Medien, die Channels und Momente der Eltern, der Juroren und alle die mitgemacht haben. Das kann bei 24 Schülern, den dazugehörigen Juroren und einer Bühne dauern. Jedes Handy muss benutzt werden. Jeder Winkel muss festgehalten werden. Und jedes Victory Zeichen der Fotografierten muss passen. In 20 Minuten sind wir auch mit den Einzelfotos der Juroren fertig. Der Samstag Vormittag ist vorbei und es ist Essenszeit. Ich bin müde, fertig aber glücklich.
Nach unzähligen Wettbewerbsvorsitzen bei Toastmasters bin ich mir nicht sicher was anstrengender ist. Aber es war ein Erlebnis und der nächste Wettbewerb in Luoyang kommt bestimmt.

Kommentar

Noch keine Kommentare vorhanden. Sei der erste!

Schreibe einen Kommentar